Tanzpresse

Der Reiz der Verfremdung

YET Company mit „Vivant!“ in den Uferstudios Berlin

Foto: Ole Schwarz

(  28.06.14 )

Fünf Körper schälen sich langsam aus weißen Tüchern. Klänge, die an tropfendes Wasser oder gegeneinanderstoßende Perlen erinnern, hüllen sie ein. Lautlos winden sie sich, gekrümmt rollen sie vorwärts und versammeln sich, um eine Mauer aus nackten Rücken zu bauen. Skurril wirken die gliederlosen Körperklötze, die rücklings nebeneinander sitzen. Dann beginnen die Rücken zu buckeln, die Haut zerfurcht und die gewohnten Körperformen verzerren. Als trotzten sie der Herrschaft eines normalen, wohlgeformten Körperbildes. Als gezupfte Geigenklänge ertönen, ändert sich die Bewegungsdynamik. Plötzlich schießen Hände aus der Rückenwand hervor und stützen sich wie Hühnerbeine ab. Mit zuckenden Bewegungen richten sich die Tänzerinnen auf und erobern nun vierbeinig den Raum. Mehrfach findet die Gruppe zu neuen Formationen zusammen, um dann wieder im Raum zu zerstäuben, bis sie am Ende wieder in den Kokon aus Tüchern zurückfindet. Das Prinzip des Stückes ist schnell verstanden: Es ist eine Bewegungsstudie, die von der Dynamik der ständig wechselnden Musik inspiriert ist. Immer sind es Bewegungen zwischen Spannung und Beherrschung. Auch inhaltlich folgt es einem klaren Schema. Der Kokon als Ausgangs- und Endpunkt erinnert an die liturgische Formel: „Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub“ und könnte einen Lebensweg darstellen. Das Bild spannt einen Bogen vom Embryo zum alten, sterbenden Menschen, dessen Grab einen Erdwall formt. Dazwischen zelebriert „Vivant!“, mit seiner Ballung an Nacktheit, Atmung und Schweiß, die Lebendigkeit. Denn das deutsch-schweizerische Choreografenduo Dominika Willinek und Fabian Cohn hat es verstanden, die Leiber der Tänzerinnen an den unmöglichsten Körperstellen zum Leben zu erwecken. Auch wenn das Prinzip – neue Musik ruft neue Bewegungsqualität hervor – etwas ausgereizt ist, bleiben doch die Bilder der originellen und vielfältigen Bewegungssprache im Gedächtnis haften. Marie-Christine Kesting /// Berlin-Termine: 5. – 7. Juni 2014 in den Uferstudios /// Schweiz-Termine: 18.-20. September 2014 im Tojo Theater Bern 

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