Was ist Ihr Markenzeichen als Künstler?
Ich bin ein Erzähler, ich erzähle Geschichten.
Was können die Festivalbesucher von Ihrem Stück erwarten?
Sie können sich auf großen Sound gefasst machen. Die Rumba und der Ndombolo, der kongolesische Pop, finden sich seit einigen Jahren in meinen Stücken. Warum sollte man nicht diese außergewöhnliche Energie von Gitarren und Stimmen nutzen, aber nicht um wie die Mehrheit der kongolesischen Stars von Ruhm, schönen Frauen, Autos und Klamotten zu singen, sondern um die Schwierigkeiten, die Defizite und die Fehler beim Namen zu nennen. Dennoch gibt es nichts Verzweifeltes darin, ?more more more... future? ist vielmehr ein Schrei nach einer besseren Zukunft.
Wo finden Sie Inspiration?
Ich sage oft, dass ich nicht viel Vorstellungskraft habe, also schöpfe ich aus dem, was mich umgibt: die große Geschichte und die kleinen Geschichten und wie die große Geschichte sich auf den Körpern und in Lebensläufen abzeichnet. Das sind keine Geschichten aus dem Exil, nein, vielmehr sind das Geschichten meines Landes, der Demokratischen Republik Kongo. Geschichten von Notständen, vom kollektiven Gedächtnis und kollektiver Amnesie, es reicht, seine Augen zu öffnen, dabei eine notwendige Distanz zu behalten und das tägliche Leben wird ein einziges grenzenloses Schauspiel, leider oft auch tragisch.
Welche Rolle spielen andere Künste in Ihren Kreationen?
Um meine Geschichten zu erzählen, lehne ich mich an das, was mich umgibt: das kann ein Ritus aus Banya von meiner Großmutter sein, ein Gedanke von Cicero oder ein Refrain von Franco, dem großen Meister der kongolesischen Rumba. Wenn meine Arbeit sich vor allem in der Präsenz des Körpers auf einer Bühne zeigt, können sich dort Zitate, wie von den kongolesischen Autoren Marie-Louise Bibish Mumbu und Antoine Vumilia Muhindo oder die Musik von Joachim Montessuis und von Flamme Kapaya oder die wunderbaren Kostüme des Designers Lamine Badian Kouyaté frei entfalten.
Welche Pläne haben Sie als Künstler?
2008-2009 habe ich an der Inszenierung von ?Bérénice? von Jean Racine gearbeitet, einen der größten Texte der klassischen Tragödie, und das auf Einladung der Comédie française. Von Beginn der Recherchen an war klar, dass ich ?Bérénice? auf mein Territorium bringen musste, in den Kongo. Den Text, der wie ein abgeschlossener Raum mit eigenen Regeln und eigener Logik ist, in die heutige Realität im Kongo tauchen zu lassen, ist eine Herausforderung für mich. ?Bérénice? wird in Angers in Frankreich im Mai 2010 Premiere haben und dann noch einmal beim Festival in Avignon gezeigt werden. Neben meinen Produktionen baue ich noch ein Netz von Kulturzentren in meiner Geburtsstadt Kisangani auf.
(aus dem Französischen übersetzt)
Kurzbiografie
Der Tänzer und Choreograf Faustin Linyekula lebt und arbeitet in Kisangani und Kinshasa (Demokratische Republik Kongo). Nach seinem Studium der Literatur- und Theaterwissenschaft war er 1997 Mitbegründer von Gàara, der ersten zeitgenössischen Tanz-Kompanie in Kenia. Zurück in Kinshasa baute er 2001 die Studios Kabako auf: ein Zentrum für den künstlerischen Austausch im Bereich Tanz und Theater. Die Studios Kabako präsentierten bislang sieben Stücke, u.a. ?Radio Okapi? (2004) und ?The Dialogue Series: iii. Dinozord? (2007).
In seinen Arbeiten setzt sich Linyekula mit dem Erbe von Krieg und Angst sowie Fragen des kollektiven Gedächtnisses auseinander.
Er arbeitete als Tänzer, Choreograf und Lehrer in Frankreich, Südafrika, La Réunion und Slowenien und als Artist-in-Residence bei Mathilde Monnier und Régine Chopinot.
2009 wird er das Duett ?Sans-titre? von und mit Raimund Hoghe bestreiten. (CG)
weitere Infos unter: www.kabako.net
"More, More, More... Future" / 18. + 19.8 / 19.30 h / HAU 1