Ein alternder Tänzer kann sich als Choreograf oder Tanzpädagoge versuchen oder muss sich schnell einen neuen Beruf suchen. Junge Tänzer wollen nach ihrer Ausbildung tanzen, mit interessanten Choreografen arbeiten, sich verwirklichen und Erfolg auf der Bühne haben. Kaum einer denkt an die Zeit danach oder die Zeit, wo eine Verletzung oder andere Widrigkeiten des Lebens sie schachmatt setzen könnten. Im Tänzerberuf gehen lange Ausbildungszeiten und kurze Aktivphasen einher mit geringen Aufstiegschancen. Wären Tänzer vernünftig denkende Menschen, die viel verdienen und bis ins hohe Alter ihren Beruf ausüben wollten, hätten sie niemals diesen Beruf ergriffen. Da die meisten aus Leidenschaft und Überzeugung tanzen, ist der Bruch, mit dem sie nach der Bühnenkarriere in der Wirklichkeit landen, meist hart und ernüchternd. In dem psychologischen, körperlichen und finanziellen Vakuum beginnt die mühselige Suche nach einem zweiten Beruf.
Bewusstseinsschaffung innerhalb der Tanzszene
Für diese Zeit des beruflichen Übergangs ist im Januar 2010 die Stiftung TANZ - Transition Zentrum Tanz Deutschland (TZTD) ins Leben gerufen worden, die Profitänzern Orientierung und praktische Hilfe anbietet. Initiatorin Sabrina Sadowska (stellvertretende Ballettdirektorin am Theater Vorpommern in Greifswald) kämpft schon seit fast zehn Jahren um politische Anerkennung ihrer Ideen und Bewusstseinsschaffung auch innerhalb der Tanzszene. „Viele stürzen sich in das Abenteuer Karriere und erst mit der Zeit wird das Thema, was danach sein soll, aktuell“, sagt Sadowska. Tatsache ist, dass besonders Tänzer in der freien Szene viel zu wenig verdienen, um sich eine weitere Ausbildung finanzieren zu können. Zwischen den Projekten bleibt kein Freiraum, um sich um ein zweites Standbein zu kümmern. „Das Leben von der Hand in den Mund ist oftmals zermürbend und nach Beendigung eines Projektes muss ich mich gleich um einen anderen Job kümmern“, sagt ein zeitgenössischer Tänzer in Berlin. Dieses Bild hatte man lange Zeit von den New Yorker Tänzern, die nach einem Probentag noch bis in die Nacht kellnern mussten.
„Jede Karriere ist ein Unikat.“
Die Situation für Tanzmüde ist oft unübersichtlich: Wohin wendet sich der Tänzer, welche kompetenten Ansprechpartner gibt es in welchen Institutionen und welche Alternativen in der Zweitberufswahl? „Jede Karriere ist ein Unikat, deshalb soll individuell auf die einzelnen Tänzer eingegangen werden“, sagt Sadowska. TZTD will als Lotse und Vermittler für Tänzer fungieren, um individuell passende Beratungsstellen von bestehenden Institutionen für Alternativen der Weiterbildung zu vermitteln. Dabei sollen auch eigene Programme des Zentrums entwickelt werden, in denen der Tänzer der Gesellschaft etwas von dem Wissen zurückgeben könne, das er in seinem Beruf erworben hätte, so das erklärte Ziel der Stiftung. Viele würden körperverwandte Berufe, wie Yogalehrer, Pilates oder Physiotherapie wählen, aber es gäbe auch viele, die noch einen akademischen Abschluss machten oder eigene Unternehmen gründeten. Außerdem möchte TZTD nach dem Modell der „Stiftung Deutsche Sporthilfe“ eine duale Karriereplanung von Tänzern realisieren. Hochleistungssportlern stehen schon von Anfang der Laufbahn an Berater zur Seite, die mit ihnen über die Jahre hinweg ein anderes berufliches Standbein aufbauen. Hätte ein Tänzer ebenfalls eine solche früh beginnende Trainingsberatung und eine gesunde Möglichkeit, seinen Körper abzutrainieren, dann könnte er womöglich noch viel länger tanzen.
Spätestens im August 2010 wird die Stiftung ihre Geschäftsstelle in Berlin eröffnen. Im Moment wird noch ein/e Projektleiter/in gesucht, um alle Aufgaben der Gründungsphase bewältigen zu können. Auf die Frage, was sich Sadowska mit Blick auf die Zukunft wünscht, antwortet sie so: „Zahlreiche Förderer und Zustifter, damit wir möglichst viele Tanzschaffende unterstützen können.“
MB/ AJ
Was kommt nach dem Tanz?
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