Das Eröffnungsstück der Tanztage von An Kaler erscheint als minimalistisch gehaltenes Sound- und Bewegungsarrangement. Drei Performer, die sich mit bestechender Klarheit auf Bewegungsrecherche begeben zu einer elektronischen Soundkulisse oder absoluter Stille, so dass man das Gläserklappern im Foyer der Sophiensaele hören kann. Sie geben sich cool, Marke Berlin-Mitte-Hipster-Nerd, fast schon zu cool, um sich leidenschaftlich der Bewegung hinzugeben. Stattdessen liegt der Fokus auf Arm- und Hand-Isolationen, Vertwistung im Oberkörper; Bewegungen, denen nachgespürt werden muss mit nach innen gerichteter Aufmerksamkeit. Der Blick leer und kühl. Die Bewegungen werden zunehmend größer, raumgreifender, der Boden wird mit Slides und zeitgenössischer Fast-Akrobatik miteinbezogen. Doch der Flow fehlt. Es bleibt eckig, abgeklärt und etwas leer. Sie suchen nach Bewegungsmöglichkeiten, scheinen sich von ihrem Körper emanzipieren zu wollen, lassen ihm aber auch wieder freien Lauf. Das Fazit zu „Insignificant Others: Tableaux (learning to look sideways)“: Physisch, dynamisch und hart kommt es daher, irgendwie androgyn, Leidenschaft jedoch bleibt ganz bewusst ausgespart.
Das zweite Stück des Abends „Display“ zeigt die Performerin Maria Francesca Scaroni inmitten einer Anordnung von liegenden und stehenden Tapeten- oder Linoleumrollen. Eine Wollperücke verhängt Scaronis Gesicht und zeigt viel Glitzer und viel bunte Wolle. Eine längere Stimmimprovisation folgt, die verrät, dass sie eine Freelance-Tänzerin ist. Dann zieht sie sich aus und die eigentliche Performance beginnt: Sie zieht einen ebenfalls glitzernden Goldfaden aus ihrer Vagina, der scheinbar kein Ende nehmen will und begibt sich erneut mit Perücke in eine lasziv-erotische Haltung auf einer ihrer Tapetenrollen und wartet das Ende ihres eigenen Stückes ab. Sie bezieht sich damit auf die Performance „Interior Scroll“ von Carolee Schneemann aus dem Jahr 1975, die damals eine Textrolle aus ihren Genitalien zog, was als ritualisiertes Manifest des weiblichen Körpers gedacht war. Scaroni schließt daran an, indem sie die Ambition des Tänzerkörpers auszuloten verspricht, was laut Selbstdarstellung einen „karnevalesken“ körperlichen Diskurs und Narzissmus bewusst miteinschließt. Das Publikum dieses Abends reagiert darauf sichtlich irritiert, beginnt zögerlich zu klatschen, einige verlassen den Saal. Nach mehreren Versuchen, die Darbietung mit Applaus zu beenden, löst sich das Szenario in Unklarheit auf. Aber wie bei jedem Festival: Irritation und Überraschung gehören einfach dazu. (Juliane Wieland)