Tanzpresse

Neues aus dem Reich der Mitte

Tanz im August: Rubato & Mahjong Dance mit "Look at me, I´m Chinese" im Radialsystem

Foto: Dieter Hartwig

(

AJ

 25.08.10 )

Das Stück "Look at me, I´m Chinese" ist im Festivalprogramm unter dem diesjährigen Schwerpunkt Menschenrechte verortet. Kein Wunder, stößt sich die westliche Sicht doch grundsätzlich an den Verwerfungen, die sich daraus ergeben, dass in China das Individuum nichts und die Gemeinschaft alles ist. In dieses Spannungsfeld der Erwartungen treten sechs Tänzer, deren Frische und Offenheit von der ersten Minute an ins Auge fallen. Sie bringen Klischees ins Spiel, etwa wenn sie mit Essstäbchen hantieren oder den Marktschreier geben, bei dem es garantiert "cheap" ist. Gruppenszenen erinnern phasenweise an militärischen Drill oder organisierten Frühsport. Diese Allgemeinplätze werden immer wieder mit anderen Bildern gegengeblendet. So lösen sich die einzelnen Tänzer zu Soli heraus, die Bewegungsqualität ist fast durchweg enorm. Doch damit nicht genug, alle treten im Laufe des Stückes an den Bühnenrand und stellen sich vor, sagen woher sie kommen, was sie für typisch chinesisch halten. Der Satz "Look at me, I´m Chinese" und die damit verbundene ostentative Aufmerksamkeit wären für die Elterngeneration der Tänzer noch undenkbar gewesen. Erfrischend ist die Ironie, mit der der Widerstreit zwischen Tradition und Moderne thematisiert wird: Eine Schlüsselszene ist sicherlich die, in der Wang Hao von ihren Kollegen mit Essstäbchen entblättert wird, bis sie nur noch in Calvin-Klein-Unterwäsche dasteht. "Look at me, I´m Chinese" stellt nicht zuletzt auch die Früchte der Arbeit von Jutta Hell und Dieter Baumann (Rubato) dar, die 15 Jahre Projekterfahrung in China gesammelt haben. Zusammen mit den sechs Darstellern, die alle als freie Tänzer und Choreografen in China arbeiten - was ungleich schwerer ist als hier - ist ihnen ein Stück gelungen, das das Tempo der Veränderungen erahnen lässt. Zweifelsfrei ein Festivalhöhepunkt.




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