Die Tanztage haben in ihrer 21. Ausgabe sechs Premieren im Gepäck, Ixchel Mendoza Hernández und Chris Scherer stellten hintereinander am vierten Festivaltag ihre Produktionen vor. Dass das Festival an sich schon eine muntere Mischung an Beiträgen bietet, ist keine Neuigkeit. Die Mexikanerin Hernández und der Australier Scherer liefern jedoch in ganz besonderem Maß ein Kontrastprogramm. „Visual Ghost“ kommt als minimalistische Erkundung von Körperbildern daher. Weiße und farbige Neonröhren leuchten wie von Geisterhand betätigt auf, als die Performerin an ihnen vorüberstreicht. Sie tigert ruhelos durch den Raum, bis sie sich in der Mitte der Bühne positioniert und in sich versunken ihren Körper verschiedene Unruhezustände durchlaufen lässt. Es scheint so, als sei ihr Körper von einer inneren Feder getrieben, die kontrollierte Spasmen an die Oberfläche befördert. Das Programmheft verrät, dass das Solo auf die Frage abzielt, wie sich Identität in verschiedenen Facetten konstruiert. „Visual Ghost“ vermittelt einerseits eine eindringliche Atmosphäre, andererseits wirkt die Performance aber auch auf unbestimmte Weise angerissen und in der Schwebe befindlich. Nach diesem Exkurs an Innerlichkeit folgt „Virginised“ von Chris Scherer. Nach den ersten Minuten ist klar: Hier stehen die Zeichen auf krachenden Klamauk. Der australische Performer entert die Bühne in einem neonblauen Lycra-Anzug mit Westernfransen. Alsbald verteilt er jede Menge trashige Utensilien auf der Bühne, die seinen Lebenslauf illustrieren sollen: Familienfotos, Gymnastikball, eine aufblasbare Gummipuppe, ein Plastikweihnachtsbaum, um nur einige zu nennen. Scherer verkörpert die Figur Brandon, in näselnder Aussprache breitet er vor dem Publikum aus, wie er - für den Tanz geboren - sich aufmachte, die Bühnen dieser Welt zu erobern. Scherer beweist mit eher slapstickartigen Tanzeinlagen Mut zur Klamotte, die jedoch auch Momente der Wahrhaftigkeit durchblitzen lässt. Denn das Alter Ego Brandon in seiner schrägen Verspieltheit legt ganz nebenbei die Facetten eines Performers frei: ohne Experiment keine künstlerische Selbstfindung. Die lachnummerartige Darbietung ist sicherlich Geschmackssache, an diesem Abend zumindest fand sie viele begeisterte Anhänger.