Tanzpresse

Am Anfang war die Geste

Sidi Larbi Cherkaoui/ Compagnie Eastman mit "Babel (words)" auf dem Madrider Festival de Otoño en Primavera

Foto: Koen Broos

(

JG

 19.06.10 )

Nach den fast zwei Stunden des von Sidi Larbi Cherkaoui und Damien Jalet choreographierten Stücks "Babel (words)" fehlen einem erst mal dieselbigen; die Wucht der Eindrücke lässt einen einige Minuten sprachlos dasitzen. Auf der Netzhaut flimmern noch die gerade gesehenen Bilder, die unser kollektives Imaginarium ansprechen: eine im David-Bowie-Glam-Stil kostümierte Roboterpuppe, die einen Schnellkurs in Gestensprache erteilt, eine aus mehreren Performern zusammengestellte Kampfmaschine, die wie in einem Videospiel herumballert, die Inszenierung der Evolutionsstadien vom Affen zum Menschen, ein Pulk Flüchtlinge, der sich in einem beweglichen Käfig dahinschleppt, um nur einiges zu nennen. All dies eingerahmt durch das dynamische Bühnenbild von Antony Gormley, bestehend aus verschieden großen Metallgestänge-Quadern, die immer wieder zu neuen Konstellationen zusammengefügt werden und den Raum physisch und graphisch deutlich konfigurieren. Darum geht es in diesem Stück, um die Vereinnahmung von Raum; erst durch Gesten, dann durch Sprache und Kultur. Die Choreographie zeigt dabei, wie trennend, aber auch wie vereinend diese Faktoren wirken können: Zuweilen agieren die Tänzer jeder für sich im bunten Durcheinander oder liefern sich in Zeitlupe Massenschlägereien, dann fügen sie sich wieder zu einem harmonischen, koordinierten Ganzen zusammen. Live-Musik im Ethno-Stil trägt zur Authentizität des Stücks bei, die ebenso aus der vielfältigen geographischen Herkunft der Truppe schöpft: Ihr Sprachengewirr begleitet den während des Schauspiels zelebrierten Turmbau zu Babel. Ein Stück, das auch lange nachdem Stimmen, Tanz und Musik verklungen sind, nicht aufhört, den Zuschauer anzusprechen.

 

Weitere Vorstellungen: 30.10.2010 in St. Poelten und am 9.-11.12.2010 in Berlin

 

 




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