Der Inhalt von Jérôme Bels „Cédric Andrieux“ ist leicht umrissen. Ein Tänzer, der Namensgeber des Stückes, tritt auf die Bühne und erzählt von seinem Leben. Viel passiert nicht in den ersten Minuten. Er steht an der Bühnenrampe und zählt die Stationen seines Lebenslaufes auf. Eher scheinen sie auswendig gelernt zu sein als erlebt. Mit konkreten Jahreszahlen datiert, folgt nach jeder narrativen Sequenz eine tänzerische Kostprobe aus dem gerade Erzählten. So ergibt sich eine kurze Geschichte des modernen Tanzes, die sich von Cédric Andrieux's Anfängen 1997 bei Jennifer Muller, über die Merce Cunningham Dance Company bis hin zu Jérôme Bel erstreckt. Doch genau diese kleine Geschichtsstunde ist die Schwäche des Stücks, weil sie den Menschen Andrieux in die hinterste Ecke rückt. Zwar steht er die ganze Zeit auf der Bühne und erzählt in scheinbar persönlichen Anekdoten aus seinem Leben, die sich jedoch beim näheren Hinsehen als gängige Erlebnisse aus jedem zweiten Leben erweisen. Es ist schade, dass dieses Solo nicht klar werden lässt, wer sich eigentlich hinter den Erzählungen verbirgt. Ein Tänzer, ja. Aber über den besonderen Menschen hinter ihm erfährt man recht wenig – fast nichts. Schön hingegen ist es, dass sich Cédric Andrieux wohl durch die Arbeit mit Jérôme Bel selbst näher kam, sich als Künstler mit einem besonderen Leben erfuhr. Das behauptet er zumindest am Schluss. „Cédric Andrieux“ ist der vierte Teil eines Porträtzyklus Jérôme Bels, der sich mit herausragenden Tänzerpersönlichkeiten auseinandersetzt. Wie die Vorgängerstücke über die Primaballerina Véronique Doisneau, den Thai-Tänzer Pichet Klunchun und den Pina-Bausch-Mitstreiter Lutz Förster steht "Cédric Andrieux" unter dem Vorzeichen, gelebte Tanzgeschichte zu zeigen.